Im Weimarer Kommunalen Kino “mon ami”
Veröffentlicht am 02. Okt. 2010
Nach einem gemütlichen Frühstück bei unserer reizenden Gastgeberin Frau Dr. Foerster in Arnstadt machen wir uns auf nach Weimar. Dort müssen wir uns zunächst mit der kargen Parkplatz-Situation befassen. Besucherfreundlich ist sie mit Parkzeiten und -gebühren gerade nicht, der Preis für ein großes Touristen-Aufkommen rund ums Jahr. Also füttere ich brav alle zwei Stunden den Automaten, bis ich mir ausrechne, dass ein Strafticket billiger ist als die Parkgebühr.
Schließlich muss ich das Nachwerfen aufgeben, weil wir zur Kinovorstellung müssen. Eine Schulklasse ist für den ersten Film angekündigt. Natürlich ist der Besuch freiwillig, was zur Folge hat, dass der Lehrer und immerhin eine Schülerin neben einigen anderen Besuchern unsere Zuschauer sind. Wir hören wieder einmal vom Leiter des Kommunalen Kinos “mon ami” Edgar Hartung, wie schwierig es manchmal ist, das Kino auch bei guten Filmen zu füllen.
Weimar ist eine Hochburg der Kultur, dort lebten nicht nur Johann Sebastian Bach, Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller, sondern auch viele andere berühmte Dichter, Philosophen, Maler und Komponisten der deutschen Klassik und anderer Zeiten. In Weimar fand die verfassungsgebende Nationalversammlung der Weimarer Republik statt, und die Stadt ist eng mit der Geschichte des Bauhauses verbunden. Entsprechend hoch ist das Kulturangebot in der mit rund 65.000 Einwohnern recht kleinen Stadt, mit dem jede Veranstaltung hier jeden Tag konkurrieren muss. Heute gibt es ein Fest in der Bauhaus-Universität, das großen Zulauf hat. Und der 18-Uhr-Termin läuft im Kino sowieso schlecht, erklärt uns Herr Hartung.
Wir geben uns mit den wenigen Besuchern zufrieden und zeigen “Pulqui, un instante en la patria de la libertad” (Pulqui, ein Augenblick im Vaterland des Glücks), ein Dokumentarfilm über den Peronismus anhand eines Projektes des Künstlers Daniel Santoro, der ein argentinisches Kampfflugzeug der 50er Jahre nachbaute – als Metapher für eine glückliche Zeit Argentiniens, die er auf diese Weise wieder beleben wollte. Nun, das Flugzeug Pulqui zerschellt beim Flugversuch; in der Realität wurde Argentiniens Traum, mit den USA und der Sowjetunion als Militärmacht zu konkurrieren, durch den Putsch gegen Perón 1955 beendet. Trotzdem ich in Argentinien lebe, fällt es mir immer noch schwer, den Peronismus zu verstehen. Wie mir so manche Argentinier versichern, geht es ihnen ebenso … Der Dokumentarfilm wirft die Frage auf, wie der Film und Santoros Arbeit einzuschätzen ist. Sind sie ernst gemeint, oder haben sie durchaus einige Ironie beim Blick auf den Peronismus und Evita Perón, die in einem arkadischen Umfeld von einem Heiligenschein umgeben ist. Es bleibt dem Zuschauer überlassen, wie er das Spiel mit dem Mythos einordnet, eine eindeutige Antwort gibt es nicht. Danach zeigen wir “Un oso rojo”. Zu Gast ist Katrin Willmann, die Leiterin der Filmabteilung der “Bundeszentrale für politische Bildung”, die unser Projekt betreut und hier einmal vor Ort dabei ist, um einen Einblick in den Alltag unserer Tour zu bekommen. Trotz des nicht gerade gefüllten Saales ist die Diskussion über den Film, über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten im Strafvollzug in Argentinien und Deutschland sowie über unsere Erfahrungen mit diesem Film in den Gefängnissen angeregt und interessant.
Für eine ausgedehnte Stadtbesichtigung fehlt die Zeit, immerhin begegnet uns auf der Suche nach einem Restaurant das Goethe-Schiller-Denkmal vor dem Nationaltheater. Fürs Fotografieren zu dunkel, ich hole das am Morgen nach. Gleich daneben steht das Goethe-Kaufhaus, das die “Kunst des Kaufens” propagiert. Die jüngsten Veränderungen der Stadt, die 1990 angebrochen sind, und ich frage mich, ob man auch das ironisch sehen kann.