Kinos in Deutschland
Das Kino auf der Suche nach der verlorenen Zeit
Das Kino hat sich immer wieder neu erfunden. Technisch, räumlich sowie ästhetisch. Kino ist nicht unterzukriegen, auch wenn der Film, der originäre Grund seiner Existenz, sich flüchtig zeigt und immer neue Trägermedien sucht. Das „Heimkino“ ist die neueste Heimsuchung, die jetzt mit dem 3D-Fernsehen einen vorläufigen Höhepunkt gefunden hat.
Die über 100jährige Geschichte der Lichtspielhäuser ist geprägt von einem permanenten Wechselspiel aus Krise und Konjunktur. Eine erste große Welle des Kinosterbens setzte in den 1960er Jahren ein, als der Fernseher als Prestigeobjekt Einzug in die Wohnzimmer hielt. Zuerst ganz bescheiden mit zwei Programmen und schwarz-weiß. Das „kollektive Lagerfeuer“, um das sich nun die ganze Familie scharte, verdrängte zusehends das Kino an der Ecke. Die Filmtheater mussten reagieren und setzten auf die Preisung immer größerer Formate von CinemaScope bis 70 mm. Aber der Abwärtstrend ließ sich nicht aufhalten. Die Säle wurden kurzerhand zerlegt. Aus Häusern mit so klangvollen Namen wie „Alhambra“ oder „Filmpalast“, die allein schon wie ein Versprechen aus einer anderen Welt klingen, wurden kleine nüchterne Schachtelkinos, deren Leinwände zuweilen die Zollgröße der heimischen Bildschirme nur noch wenig überboten. Auf den Besucherschwund folgte der Investitionsstau – die Teppiche zerschlissen, Stühle knarzten und die Kopien waren oft in keinem guten Zustand. Dabei war der Film der 1960er und 1970er mit der „Nouvelle Vague“, der unermüdlichen Kreativität eines Fassbinders oder des New Hollywoods ästhetisch auf dem Gipfel seiner Experimentierfreudigkeit und sozialen Fokussierung. Kurzum: der Ruf des Kinos war ein denkbar schlechter. Hierhin gingen die Jugendlichen mit wenig Geld in der Tasche, die es eher auf die Sitznachbarin als den Film abgesehen hatten oder auch der einsame Cineast.
Aber dann schossen seit den 1990er Jahren plötzlich die Multiplexe wie Pilze aus dem Boden. Monströse spiegelverglaste Center, platziert auf der grünen Wiese vor der Stadt oder eingezwängt in Shoppingmalls, die die Konkurrenz von der Bildfläche fegten. Jedoch offenbarten sie auch eine Qualität, die den gesamten Kinomarkt zum Umdenken zwang. Mit hohen technischen Standards in der Bild- und Tonqualität, ausgestattet mit Dolby-Surround und bequemer Bestuhlung, wurde das Kino wieder ein Seh- und Hörerlebnis sowie ein lukratives Geschäftsmodell. Eine Belebung der Kinolandschaft war die Folge. Heute sind die Multiplexe seit dem Siegeszug erst der Videos und dann der DVDs selbst in Bedrängnis. Das eigentliche Geschäft wird mittlerweile im Concession-Bereich gemacht, d.h. mit dem Popcorn- oder Getränkeverkauf. Über die Videotheken spielen die Filme längst mehr als die Hälfte ihrer Gewinne ein. Die traditionell stärker kino-affinen jungen Menschen haben sich längst ihre eigenen Medien gesucht. Der illegale Download ist kaum mehr zu bremsen. Filme werden auf Handys geschaut und über „You-Tube“ gründen sie ihre virtuellen Parallelwelten.
Diese fundamentale Krise hat ein sukzessives, eher stilles Kinosterben nach sich gezogen. Zuerst in den Vororten und kleineren Gemeinden, dann in den Zentren. Es gibt zahlreiche Orte, wo nur noch das Multiplex und ein kommunal gefördertes Kino übrig geblieben sind. Da, wo auch noch das letzte mittelständische Lichtspieltheater schließt, geht dies mit der urbanen Verödung des Umfeldes einher. Dann schließen die Kneipen und Restaurants, anschließend die Geschäfte. Die Kinder und Jugendlichen werden an die Videotheken verwiesen; nur wer mobil ist, kann es sich leisten, in das – unter Umständen 70 km entfernte – nächste Kino zu fahren. Die Erfahrung des gemeinschaftlichen Erlebens eines Filmes, der bestenfalls für Gesprächsstoff sorgt oder auf den alle lange gewartet haben, wirkt nicht mehr ins unmittelbare soziale Umfeld zurück. Dabei geht die nobelste Funktion eines Kinos, nämlich einen Zusammenhalt zu stiften bzw. als „forum romanum“ einen Mittelpunkt zu definieren, verloren.
Die anstehende digitale Umrüstung der Kinos auf D-Cinema hat sich zu einem Marktverteilungskampf gewandelt. Alle werden das nicht überleben. In Deutschland gibt es erstmals seit 40 Jahren weniger als 1000 Kinostandorte. 170 Kino schlossen allein im letzten Jahr. Jean-Luc Godard sagte einst: „Im Kino hebt man den Kopf, beim Fernsehen senkt man ihn.“ Also, neue Konzepte sind gefragt!
Cornelia Klauß
Medienpolitische Sprecherin des Bundesverbands Kommunale Filmarbeit