Argentinisches Kino 6000 Kilometer auf Deutschland-Tour

In der Schaubühne Lindenfels in Leipzig

Veröffentlicht am 04. Okt. 2010

Am Tag der Deutschen Einheit, an dem die Wiedervereinigung des Landes mit ihrem nun 20-jährigen Bestehen gefeiert wird, fahren wir nach Leipzig. Vor dem Kino haben wir ein wenig Zeit, durch die Innenstadt zu bummeln und einen Blick in die Nikolaikirche zu werfen.Sie wurde ab den 80er Jahren mit ihren Montagsgebeten und -demonstrationen, an denen immer mehr Menschen teilnahmen, zum wichtigen Ort des Widerstands gegen das Regime der Deutschen Demokratischen Republik und zum Ausgangspunkt der “Friedlichen Revolution”. Gefordert wurden Demokratie und freie Wahlen für das Land. Zum Symbol dieser Bewegung wurde die Tafel “Schwerter zu Pflugscharen”, die 1982 in der Nikolaikirche aufgestellt wurde. Wir sind heute zu Gast in der “Schaubühne Lindenfels” und bewundern den schönen, großen und alten Ballsaal, in dem heute Kino, Theater und Konzerte stattfinden. René Reinhardt, der künstlerische Leiter des Hauses, erzählt, dass das Haus aus dem Jahre 1876 stammt und hier schon 1906 Filme gezeigt wurden. Seit 1913 gibt es einen regulären Kinobetrieb. Unter verschiedenen Namen erlebte dieses Kino die große Zeit des deutschen Stummfilms ebenso wie den Film des Nationalsozialismus und der DDR. 1987 wurde das Kino wegen einer defekten Heizungsanlage geschlossen. Nach dem Fall der Mauer entdeckte eine Gruppe junger Leute den Bau und träumte vom eigenen Theater. Außer ihnen glaubten nicht viele an diese Idee. Das hielt sie nicht davon ab, das Haus mit viel Energie und der Arbeit von Freiwilligen zu sanieren und zu renovieren. Vom Glanz des ehemaligen Ballhauses war damals nichts zu sehen, er kam hinter heraus gerissenen Wänden und Decken wieder zum Vorschein. 1994 wurden das neue Theater und Programmkino eröffnet. Heute ist die “Schaubühne Lindenfels” eine etablierte und renommierte Kulturstätte in Leipzig. Die Sonne scheint, nach den vielen regnerischen und kühlen Tagen alles andere als Kinowetter. Die Leipziger und viele Besucher ziehen es vor, durch die Stadt zu spazieren, draußen in den Cafés zu sitzen und die angenehmen Temperaturen zu genießen. Wir zeigen nach “Básicamente un pozo” zum ersten Mal auf dieser Reise den Dokumentarfilom “Corazón de fábrica”, die Geschichte der von Arbeitern besetzten und übernommenen Keramik-Fabrik Zanón in der Provinz Neuquén. Eingearbeitet in die Montage sind Rückgriffe auf politische und wirtschaftliche Konflikte Argentiniens aus rund 100 Jahren. Das führt nach dem Film zu einer kontroversen Diskussion, ob der Film die reale Situation Argentiniens wiedergibt. Das tut er selbstverständlich nicht, er ist trotz 130 Filmminuten nur ein kleiner Ausschnitt aus dem politischen Alltag. Die Geschichte der Besetzung und Übernahme der Firma Zanón, der lange und schwierige Kampf der Arbeiter und die Bildung einer Gemeinschaft, die den Betrieb selbstständig führt, steht bei allen Rückgriffen auf andere Ereignisse im Mittelpunkt. Der Film will, das ist sicher ein Anliegen der Regisseure Virna Molina und Ernesto Ardito, diese schwierige Entwicklung nachzeichnen, aber auch Hoffnung darauf machen, dass solche Veränderungen und Erfolge im politischen Kampf möglich sind.


Im Capitol in Witzenhausen

Veröffentlicht am 03. Okt. 2010

Nach Weimar erwartet uns wieder ein kleiner Ort, diesmal in Hessen, rund 40 Kilometer von Kassel entfernt, Witzenhausen, die kleinste Universitätsstadt Deutschlands. Hier gibt es seit rund 20 Jahren ein Programm-Kino, das Capitol. Früher beherbergte das Haus eine Mühle und verwandelte sich bereits 1927 in ein Kino mit 500 Plätzen. Vor 20 Jahren gab es eine Neueröffnung. Dem Kinochef Ralf Schuhmacher gefiel unser Projekt. “Herr Figo und das Geheimnis der Perlenfabrik” steht um 15.00 auf dem Samstags-Programm. Parallel läuft im anderen Saal der aktuelle Kinderfilm “Ich – einfach unverbesserlich”. Der hat zwar etwas mehr Zuschauer, aber auch nicht viel mehr als unser Film. Danach hat sich für “El abrazo partido” eine Schulklasse angesagt. Wir probieren die DVD vorher aus und erleben eine Überraschung, die deutschen Untertitel sind nicht zu sehen. Wir haben die DVD mehrere Male gezeigt und können uns nicht erklären, warum sie von der Kino-Apparatur nicht erkannt wird. Wir probieren zwei weitere DVDs des Flms und sind noch mehr überrascht. Eine wird gar nicht angezeigt, die zweite sieht zunächst gut aus, stoppt aber in der Vorführung aus unerklärlichen Gründen. Die Schulklasse erscheint nicht, auch sonst bleibt der Kinosaal ziemlich leer. Üblicherweise stellt man sich vor, dass Bewohner aus kleinen Orten in große Städte fahren, um gutes Kino zu sehen. Heute haben sich vier Kasseler auf den Weg nach Witzenhausen gemacht, um unser Programm anzuschauen. Sie können glücklicherweise Spanisch. Wir müssen auf eine Version ohne Untertitel wechseln. Eine Zuschauerin, die kein Spanisch versteht, schaut sich den Film trotzdem an. Uns tut diese Situation weh, vor allem weil wir wissen, dass es anders geht, aber in einem Kino müssen wir mit der Technik vor Ort leben. Wo wir selbst die Technik aufbauen, funktionierte sie immer, selbst unter schwierigen Bedingungen. Mit den Zuschauern gibt es nach dem Film dennoch eine interessante Diskussion. “El abrazo partido” findet auch hier Anklang, wir hören wie so oft auf dieser Reise: ein schöner Film.


Im Weimarer Kommunalen Kino “mon ami”

Veröffentlicht am 02. Okt. 2010

Nach einem gemütlichen Frühstück bei unserer reizenden Gastgeberin Frau Dr. Foerster in Arnstadt machen wir uns auf nach Weimar. Dort müssen wir uns zunächst mit der kargen Parkplatz-Situation befassen. Besucherfreundlich ist sie mit Parkzeiten und -gebühren gerade nicht, der Preis für ein großes Touristen-Aufkommen rund ums Jahr. Also füttere ich brav alle zwei Stunden den Automaten, bis ich mir ausrechne, dass ein Strafticket billiger ist als die Parkgebühr. Schließlich muss ich das Nachwerfen aufgeben, weil wir zur Kinovorstellung müssen. Eine Schulklasse ist für den ersten Film angekündigt. Natürlich ist der Besuch freiwillig, was zur Folge hat, dass der Lehrer und immerhin eine Schülerin neben einigen anderen Besuchern unsere Zuschauer sind. Wir hören wieder einmal vom Leiter des Kommunalen Kinos “mon ami” Edgar Hartung, wie schwierig es manchmal ist, das Kino auch bei guten Filmen zu füllen. Weimar ist eine Hochburg der Kultur, dort lebten nicht nur Johann Sebastian Bach, Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller, sondern auch viele andere berühmte Dichter, Philosophen, Maler und Komponisten der deutschen Klassik und anderer Zeiten. In Weimar fand die verfassungsgebende Nationalversammlung der Weimarer Republik statt, und die Stadt ist eng mit der Geschichte des Bauhauses verbunden. Entsprechend hoch ist das Kulturangebot in der mit rund 65.000 Einwohnern recht kleinen Stadt, mit dem jede Veranstaltung hier jeden Tag konkurrieren muss. Heute gibt es ein Fest in der Bauhaus-Universität, das großen Zulauf hat. Und der 18-Uhr-Termin läuft im Kino sowieso schlecht, erklärt uns Herr Hartung. Wir geben uns mit den wenigen Besuchern zufrieden und zeigen “Pulqui, un instante en la patria de la libertad” (Pulqui, ein Augenblick im Vaterland des Glücks), ein Dokumentarfilm über den Peronismus anhand eines Projektes des Künstlers Daniel Santoro, der ein argentinisches Kampfflugzeug der 50er Jahre nachbaute – als Metapher für eine glückliche Zeit Argentiniens, die er auf diese Weise wieder beleben wollte. Nun, das Flugzeug Pulqui zerschellt beim Flugversuch; in der Realität wurde Argentiniens Traum, mit den USA und der Sowjetunion als Militärmacht zu konkurrieren, durch den Putsch gegen Perón 1955 beendet. Trotzdem ich in Argentinien lebe, fällt es mir immer noch schwer, den Peronismus zu verstehen. Wie mir so manche Argentinier versichern, geht es ihnen ebenso … Der Dokumentarfilm wirft die Frage auf, wie der Film und Santoros Arbeit einzuschätzen ist. Sind sie ernst gemeint, oder haben sie durchaus einige Ironie beim Blick auf den Peronismus und Evita Perón, die in einem arkadischen Umfeld von einem Heiligenschein umgeben ist. Es bleibt dem Zuschauer überlassen, wie er das Spiel mit dem Mythos einordnet, eine eindeutige Antwort gibt es nicht. Danach zeigen wir “Un oso rojo”. Zu Gast ist Katrin Willmann, die Leiterin der Filmabteilung der “Bundeszentrale für politische Bildung”, die unser Projekt betreut und hier einmal vor Ort dabei ist, um einen Einblick in den Alltag unserer Tour zu bekommen. Trotz des nicht gerade gefüllten Saales ist die Diskussion über den Film, über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten im Strafvollzug in Argentinien und Deutschland sowie über unsere Erfahrungen mit diesem Film in den Gefängnissen angeregt und interessant. Für eine ausgedehnte Stadtbesichtigung fehlt die Zeit, immerhin begegnet uns auf der Suche nach einem Restaurant das Goethe-Schiller-Denkmal vor dem Nationaltheater. Fürs Fotografieren zu dunkel, ich hole das am Morgen nach. Gleich daneben steht das Goethe-Kaufhaus, das die “Kunst des Kaufens” propagiert. Die jüngsten Veränderungen der Stadt, die 1990 angebrochen sind, und ich frage mich, ob man auch das ironisch sehen kann.


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