Argentinisches Kino 6000 Kilometer auf Deutschland-Tour
Im Reklamemuseum von Arnstadt
Veröffentlicht am 01. Okt. 2010
Wir sind auf dem Weg nach Thüringen, nach Arnstadt, ein kleiner Ort in der Nähe von Erfurt mit rund 24.000 Einwohnern und langer Geschichte. Die ersten bekannten Siedlungen sind bereits um 700 bekannt. Johann Sebastian Bach arbeitete hier einige Zeit als Organist. Zwei Kinos gab es bis vor wenigen Jahren noch hier, beide sind jetzt geschlossen. Wer ins Kino will, muss nun nach Erfurt oder Ilmenau fahren. Wenigstens im Sommer zeigt eine Kirchengruppe seit einigen Jahren einmal pro Woche Filme in Arnstadt. Wir sind zu Gast bei Christian Hühn in seinem kleinen privaten Museum “Deutsche Reklame – 100 Jahre Werbung und Verpackung”. Dort veranstaltet er hin und wieder kulturelle Abende, z.B. mit Lesungen. Einen Film zeigt er heute das erste Mal. Er erzählt uns, wie schön es früher war, abends mit dem Fahrrad ins Kino zu fahren. Dafür ist jetzt der Weg zu weit.
Auch heute braucht er sein Fahrrad nicht, wir zeigen den Film in seinem Haus, andere Besucher stellen ihr Fahrrad aber vor dem Haus ab. Die Vorstellung war im Innenhof geplant, es ist wieder einmal zu kalt dafür, also wird die Filmtechnik innen aufgebaut. Daniel ist skeptisch, ob der Raum für eine Filmvorführung groß genug und geeignet ist. Aber wie ein alter Spruch sagt: Raum ist in der kleinsten Hütte. Rund 30 Stühle haben schließlich Platz, und als die besetzt sind, findet ein Teil der Zuschauer noch auf einer Treppe Raum für sich. Das Publikum soll hier den Film selbst auswählen: Zwei Filme zur Diktatur, “Hermanas” und “Victoria”, sowie ein Film über jüdische Migranten, “El Abrazo Partido”, stehen zur Wahl. Letzterer gewinnt knapp vor “Victoria”. Nach dem Film, der mit der Frage: Te gustó? – Hat´s dir gefallen? endet, sprechen wir wie gewohnt mit den Zuschauern über den Film. Einige sehen deutliche Paralllelen zwischen ihrer wirtschaftlichen Lage und der im Film geschilderten Situation. Der Pfarrer des Ortes bekennt, dass er Filme mit Untertitel gar nicht mag, weil sie ihn daran hindern, die Bilder aufmerksam zu verfolgen. Aber dieser Film über die jüdischen Lebenswelten hat ihm sehr gut gefallen, vor allem die Leichtigkeit, mit der die schwierigen persönlichen Probleme behandelt werden. Wir werden gefragt, wie die Lebensweise jüdischer Familien heute in Argentinien aussieht und wie das Zusammenleben mit anderen Einwanderern ist. Aus unserer Sicht zeichnet der Film sie einschließlich der schwierigen Situation zur Zeit der großen argentinischen Wirtschaftskrise 2001/2002 sehr gut. Die vielen Nationen Argentiniens pflegen zwar ihre Traditionen, aber größere Probleme des Zusammenlebens gibt es nicht.
Ausländischer Abstammung zu sein, das gilt schließlich für die Mehrzahl aller Argentinier. Nach dem Film gibt es argentinischen Wein, dazu mit Chili und Empanadas einen kleinen Imbiss aus der lateinamerikanischen Küche. Wir schauen uns zum Schluss noch das kleine Museum an, das Christian Hühn mit großer Sammelleidenschaft und Liebe seit seiner Kindheit zusammengetragen hat, darunter viele Blechdosen und -schilder mit Werbeaufdrucken für alle möglichen und unmöglichen Dinge. An einige kann ich mich aus meiner Kindheit noch sehr gut erinnern, beispielsweise an Werbung für Waschpulver, Maggi, Knorr und an die Schokolade mit dem Sarotti-Mohr.
In der Nürnberger Villa Leon
Veröffentlicht am 01. Okt. 2010
Wir fahren zeitig aus München los, um rechtzeitig zu einer Schulvorstellung in Nürnberg zu sein. Nachdem wir den Berufsverkehr in München überstanden haben, haben wir freie Fahrt auf der Autobahn, vor Nürnberg geraten wir dann in einen dicken Stau und werden leicht nervös, ob wir es rechtzeitig schaffen. Das gelingt, wir haben auch noch Zeit, einen Kaffee vor dem Film zu trinken.
Die “Villa Leon” liegt in einem der ärmeren Viertel Nürnbergs und ist ein städtisches Kulturzentrum mit diversen Kulturveranstaltungen. Manfred Beck organisiert das Kulturprogramms und dazu interkulturelle Angebote, zu denen die jährlichen Lateinamerikatage mit Diskussionen und Filmen gehören.”Sau raus, Kultur rein”, erzählt er uns, hieß die Losung, um aus dem früheren Schlachthof für Schweine ein städtisches Kulturzentrum zu machen, das nächstes Jahr sein 10-jähriges Jubiläum feiert. Einige im Haus verteilte Schweinefiguren erinnern an die Geschichte des Hauses. Hin und wieder gibt es in der Villa Leon ein Kinderkino.
Wir erwarten heute Klassen aus zwei Schulen, darunter Schüler aus einer nahe gelegenen Integrationsschule, von denen einige im Rollstuhl sitzen. Wir zeigen für sie “Herr Figo und das Geheimnis der Perlenfabrik”. Die Kinder sind von dem Film genauso begeistert wie ihre Lehrer. Ein Kind im Rollstuhl teilt uns über seinen Computer mit, dass der Film sehr, sehr schön war. Ein Junge fragt uns, ob es den zweiten Teil von “Herr Figo” auch in deutscher Sprache gibt. Wir versprechen ihm, falls wir noch einmal wiederkommen, diesen Film im Gepäck mitzubringen. Am Nachmittag haben wir nach einem Live-Interview beim “Radio Z” noch ein wenig Zeit vor dem nächsten Film.
Nürnberg ist für Gustavo mit den Nürnberger Prozessen verbunden. Sie waren in Argentinien Vorbild für Prozesse gegen die Verantwortlichen der Junta. Das Gebäude liegt nicht weit von unserem Hotel entfernt und ist heute ein Amtsgericht.Zur Zeit wird dort der “Schwurgerichtssaal 600″ restauriert, im November wird ein Museum über diesen wohl berühmtesten Prozess gegen die Verbrechen des Nationalsozialismus eröffnet. Zu spät für uns, wir sind dann zurück in Argentinien, also bleibt uns nur der Blick von außen auf das Haus. Am Abend hatte sich Nürnberg eine “Open air”-Vorstellung für “Un oso rojo” gewünscht. Wieder einmal spielt das Wetter nicht mit, es regnet zwar nicht, aber für die Nacht sind im Wetterbericht 3° Kälte angesagt. Die Vorstellung findet deshalb in der Villa Leon statt. Wir sind spät dran, hin und wieder gibt es zwischen argentinischen und deutschen Zeiten und Vorgehensweisen deutliche Unterschiede, die zu Verzögerungen unvorhersehbarer Art führen können. Und wer hätte es nicht schon einmal erlebt, dass drei Menschen wenigstens sechs Meinungen haben. Schließlich können wir uns doch mit etwas Verspätung auf ein gemeinsames Taxi einigen und sind zumindest ein paar Minuten vor dem Filmbeginn in der Villa Leon. Ich bin gespannt auf die Diskussion nach “Un oso rojo”. Sie verläuft sehr interessiert und lebendig und pendelt zwischen den Interpretationen und Sichtweisen zum Film und den Fragen zu den Cine Móviles und ihrer Arbeit in Argentinien hin und her, wobei an diesem Abend die Fragen zum Wanderkino überwiegen.
In der Europäischen Schule und im Instituto Cervantes
Veröffentlicht am 30. Sep. 2010
In der Europäischen Schule und im Instituto Cervantes
Wir verbringen einen weiteren Tag in München. Früh am Morgen heißt es nach Perlach fahren, um 8.30 Uhr haben wir die erste Vorstellung in der Europäischen Schule. 1.800 Kinder aus europäischen Ländern, deren Eltern in München im Rahmen der EU arbeiten, gehen hier zur Schule und werden teilweise in ihrer eigenen Sprache unterrichtet. Zum ersten Film kommen die spanischsprachigen Kinder im Alter von 11 bis 17 Jahren.
Die Wahl fällt ein wenig schwer, welcher Film am besten für sie geeignet ist. Für die Älteren käme “Sólo por hoy” in Frage, der für die Jüngeren eher langweilig wäre. Wir entscheiden uns wieder einmal für ”Básicamente un pozo”, der mit seinem Humor für alle Altersgruppen akzeptabel ist. Auch hier finden die Schüler diesen Film witzig. Der Bogen geht in der Diskussion sehr weit. Ein Lehrer verweist auf den Bezug zur lateinamerikanischen Literatur mit ihrem magischen Realismus. Ich ergänze noch, dass die Regisseure mit Elementen arbeiten, die aus dem Stummfilm bekannt sind. Den Schülern empfehle ich zum Abschluss, sich einen Kurzfilm der “Grupo Humus” im Internet (auf YouTube) anzusehen: Composición para goteras en lluvia sostenida”. Dafür braucht man keine Spanischkenntnisse, der Film erklärt sich von selbst und ist sehr witzig.Zum zweiten Film “El abrazo partido” kommt die Oberstufe. Einigen Schülern fällt es schwer, diesem teils schnellen Film zu folgen. Sie stammen aus verschiedenen Ländern, also ist weder Spanisch noch Deutsch ihre Muttersprache, und natürlich sind für sie deutsche Untertitel eine kleine Hürde.
Am Abend sind wir im Münchner Instituto Cervantes zu Gast. Ein schöner alter Bau mitten in der Stadt und nahe der Residenz, der Feldhernnhallte und dem Hofgarten. Es freut mich, dass man dort zwei der Filme über die Auseinandersetzung mit der Diktatur in Argentinien gegenüberstellt: den packenden Dokumentarfilm “Victoria” und den Spielfilm “Hermanas”.
Wieder einmal erleben wir, dass es vor allem nach “Victoria” für die Zuschauer schwer ist, über ihre Eindrücke und Empfindungen zu reden. Daher beschränken wir uns darauf, einige Fakten über die Prozesse zu ergänzen, die gerade in Argentinien gegen maßgeblich Verantwortliche der Junta laufen, in Córdoba und in Buenos Aires. Dort steht Alfredo Donda, der Onkel der Protagonistin aus “Victoria”, vor Gericht und schweigt zur Anklage. Er ist vermutlich der Hauptverantwortliche für den Tod seines Bruders und seiner Schwägerin, die Eltern von Victoria Donda. Sie wurde von ihrer Mutter in Gefangenschaft geboren, wuchs unter anderem Namen auf und lernte ihre wahre Familie und das Schicksal ihrer Eltern erst als Erwachsene kennen.